Zeitsprung: Petra Schütte zur Geschichte der Joh. Oertel & Co., Welzheim

Ein Kristallglas von OertelCrystal wird bemalt

IHK Magazin 2-2020

An der Joh. Oertel & Co. kann man gut die europäische Geschichte der letzten 150 Jahre aufzeigen. Gegründet hat das Unternehmen mein Urgroßvater Johannes Christian Oertel vor 150 Jahren in Haida dem Zentrum der nordböhmischen Glasindustrie. Damals regierte noch Kaiser Franz Josef!

Das Unternehmen blies das Glas nie selber, sondern veredelte es und ließ sich einige Techniken dazu patentieren. Verkauft wurde schon Anfang des 20. Jahrhunderts weltweit, denn Oertel stellte auf drei Weltausstellungen aus. Außerdem arbeitete mein Großvater Johann damals in einem New Yorker Departmentstore. Als sein Vater 1909 starb, kehrte er nach Haida zurück und übernahm den Betrieb. Das war die große Zeit von Jugendstil und später von Art Deco – beides Kunststile, in denen buntes Glas eine große Rolle spielte.

1945 wurde meine Familie vertrieben. Deswegen besitzen wir wenig aus den Anfängen. Doch viele Entwürfe und Gläser finden sich in internationalen Museen wie dem Metropolitan Museum of Art in New York. Wenn ich sie besuche, berührt mich das sehr! Nach der Vertreibung landete meine Familie in Welzheim, weil mein Vater Rolf Neuhäuser in Stuttgart arbeitete. Er hatte meine Mutter Maria Mitte der 30er-Jahre in Heidelberg kennengelernt, wo sie auf einer Verkaufsreise nach England Station machte. Mein Vater half dann beim Wiederaufbau des Betriebes mit und führte ihn nach dem Tod meines Großvaters 1956 weiter. Unsere erste Nachkriegskollektion kam bereits 1947 auf den Markt, weil mein Großvater in ganz Deutschland seine ebenfalls vertriebenen Mitarbeiter aufsuchte und nach Welzheim holte. Ich erinnere mich noch an ihren Dialekt, der in meinen Ohren immer sehr witzig klang.

In Spitzenzeiten beschäftigten wir 150 Mitarbeiter, für die sogar Wohnungen gebaut wurden. Auch meine Mutter spielte beim Neustart eine wichtige Rolle, war sie doch die einzige Person in Welzheim, die Englisch sprach. Als Dolmetscherin für die US-Armee erhielt sie Gelegenheit, in Kasernen Oertel-Glas auszustellen, das die GIs gern mit in die Heimat nahmen. Noch heute bekomme ich Anfragen, ob man etwas nachkaufen könne oder was man mit den alten Gläsern machen soll. „Benutzen Sie sie und freuen sich dran“, sage ich dann immer und mache es genauso.

Oertel stellte bald wieder auf Messen aus, und so wurde der Schah von Persien unser Kunde. Das war 1967, in dem Jahr, als mein Vater starb und meine Mutter mit meinem Bruder den Betrieb übernahm. Als der 1978 verkaufen wollte, habe ich mich mit 23 Jahren entschieden, das Familienunternehmen allein zu führen. Damals wurden die Industriegläser immer besser, andererseits kam die klassische Aussteuer aus der Mode. Deswegen konzentrierte ich mich wie mein Großvater auf exklusive Stücke.

2000 wurde klar dass Deutschland als Produktionsstandort zu teuer wurde, zumal wir kaum Nachwuchs für Glasmaler und Schleifer fanden. Nach der Wende war ich ein paar Mal in Haida gewesen, das jetzt Novy Bor heißt. Dabei traf ich einen alten Freund der Familie, der mir half, dort wieder eine Produktion aufzubauen. Das war eine höllische Zeit für mich: Meine Töchter waren noch klein, im Betrieb in Welzheim war Ausverkauf und gleichzeitig hatte ich einen riesigen Auftrag des Sultans von Oman.

Den Kontakt nach Oman verdankte ich einem deutsch-schottischen Geschäftsmann, der von unseren Gläsern begeistert war. Als er sich in Oman zur Ruhe setzte, schwärmte er dem Palasteinkäufer von Oertel vor. Daraufhin wurde ich für eine Woche in einen halb fertigen Palast eingeladen, den ich mit dekorativem Glas ausstatten sollte: 180 Designs entwarf ich und ließ sie in Tschechien produzieren. Der Sultan war so zufrieden, dass ich seither von dort jedes Jahr schöne Aufträge bekomme. Auch in anderen arabischen Ländern stehen meine Gläser, die meist über Interior Designer aus London oder Paris dorthin gelangen. Inzwischen kann man unsere Gläser auch online kaufen. Unserer wichtigsten Kunden aber sind Dior und Fabergé und natürlich der Sultan von Oman.